Cold Case – Tanja Gräff

Cold Case – Tanja Gräff

Es ist ein lauer Sommerabend 2007. Mit deinen Kommilitonen sitzst du in der engen WG-Küche. Es wird gelacht, die Stimmung ist auf einem Höhepunkt. Obwohl es schon Abend ist, strahlt draußen immer noch die Sonne. Auf dem Tisch liegt dein Motorola-Klapphandy und auf der Anrichte leere Wodka und Energy Flaschen, denn die hast du mit deinen neuen Freunden gerade zwecks Vorglühen leergemacht. Nur einige hundert Meter entfernt befindet sich der kleine Studentenclub, in dem dich die Bardame schon mit Vornamen kennt. Zusammen geht es los. Es ist die Zeit von Mr. Brightside.

2007 war ich Student im 3/4. Semester. In einer kleinen Studentenstadt im Süden Nordrhein-Westfalens, wohlgemerkt. Fern der Heimat begann ein neues Leben, fernab der Kontrolle und Regeln des Elternhauses, denn eine Studenten-WG gehörte dazu. Neue Freiheit, neue Bekannte und Freunde…

Am 27.09 war keine Party. Ich sah eine Folge Aktenzeichen XY im ZDF, denn ab und an kamen Nostalgiegefühle an Wochenenden bei meinen Großeltern als Kind hoch. Ein Vermisstenfall einer attraktiven Studentin aus Trier wurde anmoderiert.

Gar nicht so weit weg!“, dachte ich.

Ja, der Vermisstenfall, bzw. heute als Todesfall Tanja Graeff bekannt, hatte mich persönlich berührt. Die süße Studentin und das Sommerfest an der FH Trier, das waren alles Dinge, die mir aus meinem eigenen Erleben gut bekannt waren.

Was war passiert?

Tanja Graeff, lebensfrohe Lehramtsstudentin Deutsch und Geschichte, die augenscheinlich noch bei den Eltern in einem kleinen Dorf in der Nähe wohnt, ging auf das Sommerfest der FH Trier um mit Freunden zu feiern. Am nächsten Morgen jedoch, und auch in den nächsten Tagen blieb das Mädchen verschwunden. Die Polizei wurde eingeschaltet.

Großer Aufwand wurde betrieben um sie zu finden. Das Interesse der Öffentlichkeit war groß, bis 2015 die sterblichen Überreste der jungen Frau am Fuß des roten Felsens nahe des FH-Geländes gefunden wurden. Betrunken und geistig verwirrt sei sie den Felsen hinabgestürzt, so die finale und bis heute geltende These der Ermittler.

Wirklich? Vor einiger Zeit habe ich mir das Buch von Claire Sandberg „Tanja Gräff – Ein ungelöster Fall“ von 2023 zugelegt. Der Fall hatte mich immer mal wieder beschäftigt. Nun deckt die Autorin im Buch hanebüchene Fehler der Polizeiarbeit in dem Fall auf, geht bisher nicht verfolgten Spuren nach, und gibt so ein absolut anderes Bild der Abläufe der damaligen Nacht des Sommerfestes ab. Könnte es doch ein Mord gewesen sein?

Im Folgenden erläutere ich die wesentlichen Kernpunkte des Buches, auch um vielleicht den interessierten Leser über neue Informationen in Kenntnis zu setzen, und um vielleicht auch neue Impulse anzuregen.

Zunächst widmen wir uns der angesprochenen Aktenzeichen XY – Sendung, die laut der Autorin größtenteils nicht das echte Erleben der Nacht des Sommerfestes abbildet, sondern das Geschehen scheinbar absichtlich falsch skizziert, um den vermuteten Tathergang im Sinne der Polizei zu erhärten. Dies sei besonders fatal, da die Sendung das öffentliche Bild zu dem Zeitpunkt stark prägte.

Die Aktenzeichen XY – Sendung 405 vom 27.09.2007

Geburtstagsparty im Hause Gräff – Zeugnis eines guten Eltern-Kind-Verhältnisses?

Die erste Szene des Einspielers, eine Geburtstagsfeier, ist frei erfunden – Soll sie nur das gute Verhältnis, das Tanja zu ihren Eltern hatte, darstellen?

Herzlicher Empfang auf der Party – Ein Freund scheint besonders investiert…

Tanja wird im weiteren Verlauf des Films von ihrer Mutter zur Party gebracht. Ihre Freunde warten dort schon auf sie.

Ihre Mutter hat tatsächlich Tanja gefahren. Allerdings zu einem Studentenwohnheim, in dem das Vorglühen zum Sommerfest stattfinden sollte. Dort habe aber niemand gewartet, sondern Tanja sei allein in Richtung des Wohnheims gegangen.

Ein Freund scheint besonders in Tanja investiert zu sein. Hierbei handelt es sich um den Charakter Marco, bzw. in einigen Reportagen Heiko genannt (ich werde Clarie Sandbergs Pseudonyme weiterhin benutzen). Der Film wird hier, und auch im weiteren Verlauf suggerieren, dass Marco ein besonderes Interesse an Tanja hatte, und sie sich auch hauptsächlich bei ihm aufgehalten hat. Wie aus Akten bekannt geworden ist, war dieser Marco zum Zeitpunkt der Ausstrahlung der Sendung als Tatverdächtiger im Visier der Ermittler. Ein Irrtum, wie sich herausstellte. Sollte die Sendung nur dazu dienen, Beweise gegen Marco zu sammeln? Die Polizei unterstellte ihm, ich zitiere, „verschmähtes Liebeswerben“. Auf seine Person will ich später noch genauer eingehen.

„Marco“ gibt einen aus

Der Ablauf der Party selbst wird ebenfalls verzerrt dargestellt. Äußerungen des Off-Sprechers sind hier z.b. „Auch Tanja geht im Getümmel unter“ und „Wir wissen nicht was Tanja den Abend lang gemacht hat“. Falsch. Laut Sandberg werde aus den Polizeiakten ersichtlich, das Tanja im Verlauf der Party die ganze Zeit an einem abgelegenen Bierstand nahe eines Parkhauses verbracht hat, und zwar mit der gleichen Clique, mit der sie das Vorglühen verbracht hat. Diese Clique dreht sich demnach um ihren „Schwarm“ Adrian, bzw. in einigen Reportagen „Andreas“ genannt, mit dem sie „die Nacht verbringen will“. Dieser Charakter wird in der filmischen Rekonstruktion komplett ausgespart, obwohl es für mich den Anschein macht, dass Tanja überhaupt nur wegen ihm auf der Party ist. „Marco“, ein Freund Adrians, sei erst spät zu der Truppe dazugestossen. Er ist außerdem nicht aus Trier und auch nicht ortskundig gewesen. Tanja verlustiert sich mit ihm für eine Zeit beim Tanzen, während Schwarm Adrian die Party vorzeitig verlässt. Von nun an ist Marco ihr Begleiter, bis es zur ersten, verhängnisvollen Situation „am Mixery-Stand“ kommt, auf die ich später noch eingehen werde.

Die Zeitangaben und Ortsangaben zum Treffen von Tanja und dem „Unbekannten“ sind falsch
Der Unbekannte weist Marco schroff zurück. „Lass die Tanja in Ruhe“

Im Film werden falsche Orts- und Zeitangaben zum weiteren Geschehen gemacht, was aber unerlässlich für eine wahrheitsgemäße Aufarbeitung des Falles gewesen wäre. Denn nachdem Tanja allein mit Marco über das Festivalgelände streift, kommt es um etwa 4.00 Uhr zur verhängnisvollen Begegnung mit einem Unbekannten.

Marco und der Unbekannte

Marco und Tanja verlieren sich aus den Augen. Was Tanja danach macht ist nicht bekannt. Marco und Tanja treffen sich kurze Zeit später wieder, und zwar auf einem Parkplatz zwischen einem Kühlwagen und einem „Mixery-Stand“.

Doch die Situation ist verändert. Laut Marco unterhält Tanja sich mit einem „Unbekannten“. Da es dunkel ist, kann Marco keine genauen Details zu dieser Person abgeben. Als Marco Tanja sagt, dass er nach Hause will, blafft der Unbekannte ihn an: „Lass die Tanja in Ruhe“ und stösst ihn weg. Da Marco sich körperlich unterlegen fühlt und nichts provozieren will, geht er allein nach Hause.

Diese Sichtung wurde ihm von der Polizei nicht abgekauft. Er soll das Geschehen als Schutzbehauptung erfunden haben, um sich selbst aus der Schlinge zu ziehen. Die Stereotypisierung Marcos als Täter hat laut Claire Sandberg sein Leben zerstört. Erst Jahre später habe man ihn als Täter ausgeschlossen.

Das Geschehen am Mixery-Stand geht unterdessen weiter. Eine Zeugin namens M. und ihre 2 Begleiter sehen, wie sich die Situation weiter entwickelt. Im Verlaufe der Ermittlungen wurde der Zeugin M. nicht geglaubt. Jedoch sind ihre Aussagen, speziell zum Charakter „Spitzbart“ der Aufhänger für Claire Sandbergs neue Hypothesen, in dem sie den Spitzbart nicht namentlich nennt, ihn wenngleich nicht unbedingt als Täter, aber dennoch dringend Tatverdächtigen sieht.

Tanja telefoniert mit Adrian. Daneben steht ein unbekannter großer, dunkel gekleideter Mann mit einem spitzen Kinnbärtchen, mit heller Haut, pausbäckigem Babyface und dunklen, vielleicht hochgegelten Haaren. Es wird impliziert: Dieser im weiteren „Spitzbart“ genannte Charakter und Marcos „Unbekannter“ müssen die selbe Person sein!

Spitzbart wirkt aggressiv auf M., sein Auftritt wirkt einschüchternd. Tanja scheint keine Angst vor ihm zu haben. Dies soll sich bald ändern.

Weitere Zeugenaussagen und die „Drachenhaus“-Sichtung

Die „Drachenhaus-Sichtung“ laut XY – völliger Unsinn

Claire Sandberg geht davon aus, Tanja hätte sich an Spitzbart gewandt, um eine Mitfahrgelegenheit zu haben, da Adrian bereits nach Hause gefahren ist. Denn Tanja und der Spitzbart kannten sich. Auf Fotos, die auf Tanjas Laptop gefunden wurden, seien auch Fotos von Spitzbart und Freunden gewesen. Sie war wohl auch auf einigen seiner Geburtstage. Spitzbart sei lieb und harmlos, könne aber auch „draufhauen“ so Tanjas Freundeskreis. Er ist Sohn einer lokalen politisch exponierten Person. Die Autorin bemängelt, warum der Spitzbart-Spur im Verlauf der Ermittlungen nicht nachgegangen wurde und unterstellt der Polizei die Spur aus o.g. Gründen absichtlich nicht verfolgt zu haben. So wurde öffentlich Spitzbart nie ein Thema.

Aber weiter mit dem Geschehen: Drei Zeugen, unter ihnen ein Ex-Soldat mit Auslandseinsätzen, machen die Bekanntschaft eines rothaarigen Mädchens mit zierlicher Statur. Dies ist die sogenannte Drachenhaus-Sichtung, in der Nähe des FH-Geländes. Claire Sandberg geht davon aus, dass es sich bei dem Mädchen um Tanja gehandelt hat.

Im Filmfall stösst Tanja mit dem Mädchen der Gruppe, Steffi, zusammen und zieht weiter, da sie nach Hause will. In der echten Rekonstruktion bekommt die Sichtung eine viel größere Dramatik.

Der Soldat sagte aus, er und Steffi, sowie ein dritter Freund, seien auf dem Nachhauseweg am Drachenhaus, das sich etwas abgelegen und auf dem Weg in die Stadt befindet, einer dunklen, unheimlichen Gruppe begegnet, und der Soldat hätte aufgrund seiner Vorerfahrung gemeint, sich von dem Ort schnell entfernen zu wollen. Kurze Zeit später hätte das rothaarige Mädchen sich von hinten Steffi angeschlossen und sich als Tanja vorgestellt. Danach sei ein Mann auf die beiden Männer zugekommen und wäre gefolgt. Er sei dunkel gekleidet gewesen und seine „Pupillen wären so groß wie die Augen gewesen“. Als Tanja den Mann bemerkt sei sie panisch weggelaufen, und der Mann mit “ Tanja, warte“, direkt hinterher. Claire Sandberg vermutet, dass Tanja den Mann nun durch Irrläufe auf dem FH-Gelände loswerden wollte. Dies ist die zeitlich letzte Sichtung der Tanja. Sandberg impliziert weiterhin, dass es sich bei dem Mann um „Spitzbart“ gehandelt habe könnte.

Streit in Sicht – Die zweifelhafte Bauzaun-Sichtung von „Lars“

Eine weitere Sichtung wird in dem Filmfall behandelt, die sich laut Sandberg aber zeitlich nicht nach, sondern vor der Drachenhaus-Sichtung ereignet haben soll. Zeuge ist der Arbeiter „Lars“, der hilft die Bauzäune des Festivals abzubauen. Er bemerkt von hinten eine dünne, rothaarige Frau im Streit mit einem Unbekannten, die sagt: „Pack mich nicht an“. Es wird hier also wieder vom körperlich interessierten „Spitzbart“ ausgegangen. Der Zeuge erzählt weiter, eine Gruppe von Kiffern wäre zur Streitschlichtung erschienen, und das Problem sei gelöst worden. Im Zuge der Sendung wurde auch entsprechend gefahndet.

Harmlose Kiffer – Hat „Lars“ selbst halluziniert?

Eine Rolle soll weiterhin ein blauer Peugeot mit Luxemburger Kennzeichen spielen, in dem „Lars“ den gleichen Mann aus dem vorigen Streit glaubt erkannt zu haben. Ermittlungen in diese Richtung liefen ins Leere.

Die von „Lars“ und der Polizei postulierte „Luxemburg-Spur“ erwies sich als Einbahnstrasse

Claire Sandberg hält die letzten Schilderungen von Lars für Fabulierungen, gesteht aber ein, dass der Streit vor der Drachenhaus-Sichtung stattgefunden haben könnte.

Interessant ist weiterhin, dass Tanjas Überreste mit Dingen gefunden wurden, die mittelbar dem „Spitzbart“ zuzuordnen sind. Ihr Gürtel sei außerdem von einem Messer durchtrennt worden, da ein Sturz eher die Ösen der Hose in Mitleidenschaft gezogen hätte. Cuttermesser z.B. werden von Handwerkern benutzt. Der „Spitzbart“ war Handwerker einer luxemburgischen Firma. Hatte er eines dabei? Betrieb die Firma vielleicht solche blauen Dienstwagen?

Die Beweislast ist befremdlich. Ich hoffe auf eine Wiederaufnahme dieses Coldcases, und vor allen Dingen eine genauere Aufarbeitung der „Spitzbart“-Spur. Jedem geneigten Leser sei hiermit das Buch von Claire Sandberg „Tanja Gräff – Ein ungeklärter Fall“ wärmstens empfohlen. Das Buch ist detailliert und spannend geschrieben und kann natürlich noch genauer auf die Verhätlnismäßigkeiten eingehen und ich wünsche viel Spaß beim Lesen! Auf diesem Wege auch RIP Tanja Gräff und alles Gute ihrer Mutter.

***** Sterne

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Autor: Hendrik Pils


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